Innere Ressourcen

Innere Kraftquelle: Mitgefühl üben

„Das Schöne am Mitgefühl ist, dass – wenn es spontan in uns entsteht – sich eine innere Tür zur kindlichen Erfahrung von Liebe öffnet, die Teil unserer grundsätzlichen Wirklichkeit ist.“ Dalai Lama

Ich liege platt ausgestreckt auf dem Sofa. Arme und Beine fühlen sich an, als hätte ich gestern mindestens eine 30-Kilometer-Wanderung absolviert. Mein Schädel brummt, die Gedanken sind dumpf, wie durch Nebel.

Jede kleine Anstrengung führt zu noch mehr Beschwerden in den verschiedensten Körperteilen.

Bis nichts bleibt als nur daliegen, aushalten, abwarten.

Draußen ist Juhuu-wir-gehen-schwimmen-Eis-essen-und-abends-auf-ein-Festival-Wetter.

Mein Körper ist anderer Meinung.

Meine Gedanken sind nicht immer die angenehmsten Begleiter in solchen Augenblicken.

Entweder sie fangen an zu klagen – Mist. Schon wieder. Warum ich. Das ist unfair. Ich will das nicht.

Oder sie meckern an mir herum – selbst schuld. Du hättest gestern nicht so weit spazieren gehen sollen. Hättest du doch vorgestern nicht das falsche gegessen. Vor Jahren besser auf dich aufgepasst. Das Medikament nicht genommen, das alles schlimmer machte.

Und so weiter.

Das einzige, das wirklich in der Lage ist, mich an solchen Tagen vor dem zusätzlichen Gedankenstress zu retten – ist Mitgefühl.

Mit mir selbst.

Mit allen, die sich gerade in einer ähnlichen Situation befinden.

Das Wort Mitgefühl klingt nicht sehr kraftvoll. Eher leise und sanft.

Es klingt nicht wie ein Werkzeug der Mächtigen, der Menschen, die ihr Leben und ihre Umgebung kontrollieren. Es zählt nicht zu den „key skills“, den Schlüsselqualifikationen, die in Bewerbungsschreiben erwähnt werden (wäre dies der Fall, würde unsere Gesellschaft wahrscheinlich grundlegend anders aussehen).

Dennoch ist Mitgefühl eine der wichtigsten inneren Ressourcen:

„Wie reich und mächtig wir auch sein mögen,
ohne Mitgefühl erfahren wir keinen inneren Frieden.“ Dalai Lama

Mitgefühl ist nicht Mitleid

Mitgefühl weckt häufig Assoziationen mit Mitleid.

Auch wenn das einen Aspekt beschreibt, trifft es nicht den Kern.

Mitgefühl und Mitleid werden in den meisten Sprachen nicht unterschieden – in der deutschen Sprache ist es aber sinnvoll, sich den Unterschied bewusst zu machen.

Mitleid kann bedeuten, mit zu leiden.

Es kann aber auch bedeuten, auf den anderen herabzusehen: „Jemand ist bemitleidenswert“ im negativen Sinne steht für viele in der Nähe von „erbärmlich“.

Wenn ich dagegen Mitgefühl habe, dann öffnet sich mein Herz weit. Ich schaue nicht auf die andere Person herab, denn ich verstehe, dass jeder Leid im Leben erfährt, auf verschiedene Weise. Leid ist ein Teil des Lebens. Ich fühle mich nicht mehr getrennt von anderen, oder von mir selbst, sondern verbunden.

Mitgefühl heißt auch nicht unbedingt, das Leid im gleichen Maße zu fühlen, sich davon überwältigen zu lassen.

Es bedeutet für mich, das Leid anderer Lebewesen und das eigene Leid ohne Wertung anzuerkennen.

Bei Mitgefühl bleibe ich mit meinem Gefühl trotzdem auch bei mir – das Gefühl überwältigt mich nicht, auch wenn es sehr intensiv ist.

Als Kind hatte ich viel Mitgefühl mit Tieren und konnte ihnen nie absichtlich weh tun. Mein Mitleiden ging aber so weit, dass ich noch wochenlang litt, wenn auch nur eine Tierfigur aus Keramik zerbrach.

In diesem Extrem ist es natürlich nicht hilfreich, das (vermeintliche) Leid von Dingen und anderen Wesen mit zu tragen.

Aber heute hilft mir die Fähigkeit zu Mitgefühl, die ich schon als Kind intensiv empfinden konnte, mit meiner Situation umzugehen.

Wegbereiter zu Selbstliebe und Selbstfürsorge

Den meisten Menschen fällt es recht leicht, Mitgefühl mit einem geliebten Menschen, einem Kind oder einem Haustier zu haben.

Schwieriger ist es meist, das für sich selbst zu empfinden.

Gerade aber das Mitgefühl mit mir selbst erlebe ich als ganz besonders wirkungsvoll und hilfreich, wenn es darum geht mit schwierigen Situationen, mit körperlichem und seelischem Leid umzugehen.

Wenn ich mir selbst mitfühlend begegne, kann das eine ganz große Last von mir nehmen.

Wie die Last, so zu tun als ob alles nicht so schlimm ist. Immer stark zu sein, immer die Fassade wahren zu müssen – selbst wenn ich allein bin.

Es befreit mich für einen Moment davon, mich oder andere zu verurteilen – dafür, dass, ich krank bin, dafür, dass ich nicht arbeiten kann.

Oder was auch immer es ist, was wir uns selbst gerade insgeheim vorwerfen: Die wenigsten Menschen sind frei von inneren Ansprüchen an sich selbst, die meist ein Spiegel unserer Gesellschaft sind.

Mitgefühl mit mir selbst eröffnet mir auch einen besseren Zugang zu meinen Bedürfnissen: Es ist manchmal schwer einzuschätzen was ein Körper braucht, der sowieso die meiste Zeit „komische“ Symptome produziert.

Wenn ich mit mir selbst mitfühle, weiß ich meist intuitiv was mir gut tut und was nicht.

Und vor allem erlaube ich mir auch eher Dinge abzusagen, die ich mir vorgenommen oder anderen versprochen habe wenn es eben gerade nicht gut für mich ist.

Selbstliebe und Selbstfürsorge sind meiner Erfahrung nach sehr eng mit Mitgefühl verwandt.

Nur wenn ich mir selbst mitfühlend begegne, kann ich mich auch dann noch lieben, wenn ich krank, damit vermeintlich schwach und „unnütz“ bin.

Wie kann ich meine Fähigkeit zum Mitgefühl entdecken und stärken?

Ich habe eine Freundin. Sie lebt ziemlich weit weg, daher hatte ich lange nichts von ihr gehört. Nach vielen Jahren gelang es mir sie ausfindig zu machen und ich schrieb sie an. In meiner Vorstellung hatte sie sicher all das erreicht, wovon sie damals geträumt hatte. Als ich ihre Antwort an mich las, war ich bestürzt: Nicht lange nach unserem letzten Kontakt war sie für mehrere Jahre sehr krank und konnte kaum mehr das Haus verlassen. Ihr ging es zwar inzwischen besser, aber sie war noch sehr eingeschränkt.

Als ich später selbst sehr krank wurde, hatte ich ein fast ein Déjà-vu – ich befand mich jetzt in einer sehr ähnlichen Situation.

Die Erinnerung, wie ich meiner Freundin gegenüber empfand – nicht mitleidig, sondern eher berührt von ihrer Stärke alles auszuhalten und nie aufzugeben – half, auch mir selbst gegenüber positive und wertschätzende Gefühle zu bewahren.

Mir vorzustellen wie ich gegenüber anderen geliebten Menschen empfinden würde, wäre sie oder er in einer ähnlichen Situation wie ich es jetzt bin, ist meist sehr effektiv.

Ähnlich leicht gelingt es mir, positives Mitgefühl ohne andere Erwartungen oder Vorurteile zu empfinden, wenn ich mir ein krankes Tier vorstelle.

Uns geht es nicht anders als diesem Tier.

Wir tragen keine Schuld an unserem Zustand und wir dürfen so gut für uns sorgen wie es nur geht und jede mögliche Hilfe und liebevolle Geste annehmen.

Eine andere Möglichkeit, die ich erst seit kurzem bewusst anwende, ist Mitgefühl mit einzelnen Teilen des Körpers zu üben:

Das hilft mir, wenn bestimmte Symptome viel Aufmerksamkeit einfordern wie Schmerzen oder Übelkeit. Oder wenn ich sowieso gerade nicht viel fühlen kann, weil ich zu müde oder erschöpft bin.

Diese Übung finde ich nur sinnvoll, wenn die Symptome gerade nicht zu überwältigend sind.

Dann ist es manchmal besser, sich abzulenken.

Oder, sich in der Übung auf einen Teil des Körpers zu konzentrieren, der sich gerade gut oder neutral anfühlt.

Ich richte meine Aufmerksamkeit bewusst auf einen Körperteil. Versuche genau zu spüren, wie er sich anfühlt. Ob er sich in dieser Position gut fühlt, oder ob ich mich anders hinlegen sollte. Beobachte, ob mein Atem bis in diesen Körperteil hineinreicht. Vielleicht lege ich auch eine Hand an diese Stelle. Versuche zu beschreiben wie es dieser Körperstelle, diesem Organ geht, wie es sich gerade anfühlt. Das Mitgefühl für diese Stelle im Körper stellt sich bei mir dann manchmal von selbst ein. Ich spüre dabei eine Entspannung und Befreiung, und auch ein wenig Traurigkeit.

Vielleicht magst du dich auch bei diesem Körperteil bedanken, dass es dich bisher so gut unterstützt hat und immer sein bestes gibt.

Falls das nicht gleich klappt, ist das nicht schlimm – schon die liebevolle Aufmerksamkeit für ein Symptom oder ein Organ kann zur allgemeinen Entspannung oder sogar Verringerung der Intensität des Symptoms beitragen.

Mitgefühl üben mit der Metta-Meditation

Zum Abschluss des Artikels habe ich für dich noch eine dazu passende meditative Übung aus dem Buddhismus:

„Mögen alle Lebewesen glücklich sein
Mögen alle Lebewesen in Frieden leben
Mögen alle Lebewesen sich sicher und geborgen fühlen
Mögen alle Lebewesen frei sein“ 

Diese Zeilen sind ein Beispiel für eine „Metta-Meditation“ – eine Meditation liebevoller Güte. Typischerweise sendest du bei dieser Meditation zunächst dir selbst gute Wünsche („Möge ich …“) dann einem anderen Menschen und letztlich allen Lebewesen.

Um die Metta-Meditation durchzuführen, ist es gut, wenn du dich erstmal mit deinem Atem verbindest und einen liebevollen Kontakt mit dir selbst herstellst.

Du kannst die Sätze erst leise vor dir hersagen, und dann weiter in Gedanken wiederholen.

Die Wünsche können so angepasst werden, wie es sich stimmig anfühlt.

Wird diese Meditation aus ganzem Herzen empfunden, bereitet sie den Weg für tiefes Mitgefühl, sowohl für dich selbst und letztlich sogar für Menschen, gegen die du Groll oder Wut empfindest.

Die Metta-Meditation kann laut Studien schon nach wenigen Minuten üben dazu führen, dass du dir selbst und anderen gegenüber liebevoller, offener und toleranter eingestellt bist.

Mitgefühl ist also mehr als eine „milde Gefühlsgabe aus Barmherzigkeit“: Du kannst du dich selbst damit sehr entlasten und deinem sowieso schon gebeutelten Körper zeigen, dass du ihn so annimmst wie er gerade ist.

Wenn du es darüber hinaus sogar schaffst, zumindest hin- und wieder auch gegenüber für dich schwierigen Menschen Mitgefühl zu empfinden, gibt das eine innere Gelassenheit und Besonnenheit die sonst wohl sehr schwer zu erreichen ist (das ist etwas, das mir immer wieder schwer fällt, aber auch sehr hilft, wenn es mir gelingt).

Vielleicht wird so auch der ein- oder andere Konflikt verhindert oder abgemildert, der uns sonst unnötig zusätzlich belasten würde. Natürlich ist es trotzdem wichtig, für uns einzustehen und wenn nötig auch in eine Konfrontation zu gehen um unsere Grenzen und unser Wohlbefinden zu schützen.

Mitgefühl für das Handeln anderer zu haben, soll nicht bedeuten, anderen Menschen zu erlauben uns zu verletzen.

Es kann mir aber helfen, das Verhalten anderer nicht zu sehr auf mich beziehen und nicht zu lange Groll zu empfinden.

Eine vermeintlich unbegründet ablehnende, gleichgültige oder gar feindselige Haltung hat ja oft mehr mit den eigenen inneren Kämpfen unseres Gegenübers als mit uns selbst zu tun.

Ich versuche die Metta-Meditation jetzt immer mal wieder – zum Beispiel bei meinen Spaziergängen, oder morgens nach dem Aufwachen wenn ich noch eine Weile liegen bleiben muss.

Manchmal klappt es es schon ganz gut, manchmal eher weniger. Oder ich merke: Das passt einfach gar nicht zu meinem aktuellen Zustand.

Manchmal bin ich einfach zu frustriert, verärgert oder genervt und zu müde um mich darauf zu konzentrieren.

Dann hilft nur gut zu mir selbst sein.

Ich versuche es einfach an einem anderen Tag. Schon der Versuch und die Beschäftigung damit zählt, meine ich.

Das wichtigste ist, mich damit nicht unter Druck zu setzen.

Versuche es doch auch mal, wenn du magst. Vielleicht hast du auch schon Erfahrungen damit gemacht, aktiv Mitgefühl zu üben und hast weitere Tipps? Oder du hast noch Fragen dazu – hinterlasse gerne einen Kommentar.

Zum Weiterlesen

Buchvorstellung: Das wird schon wieder?

Wer sich selbst verzeiht, leidet weniger unter Schmerzen – Artikel bei Spektrum.de

Sich selbst ein guter Freund sein – Artikel bei Spektrum.de

Umfangreicher Artikel zum Selbstmitgefühl auf dem Blog von Markus Hüfner (a-b-s-sein.de)

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