Innere Ressourcen, Wissenswertes

Die Kraft der Wahrnehmung bei chronischen Erkrankungen

Wenn du dich sehr lange krank fühlst, isoliert, Schmerzen hast, ist die Welt um dich manchmal wie von einer grauen Trennwand umgeben. Freude, Leichtigkeit, Liebe, Verbundenheit und Zuversicht sind oft nur noch schwache Erinnerungen an Gefühle, von denen du weißt, dass es sie gab. Sie erscheinen dir, wie von einem anderen Körper, einem anderen Leben, das nie mehr zurück kommt. Diese Zustände sind ganz normal, aber es ist wichtig, dir bewusst zu machen, dass die guten Dinge nicht verschwunden sind: Wir sehen sie nur gerade wenig oder gar nicht.

Inhalt

Unsere Wahrnehmung verändert sich, wenn wir lange krank sind
Wie unser Gehirn unsere Wahrnehmung lenkt
Der innere Kern als Anker
Bewusst Wahrnehmen

Unsere Wahrnehmung verändert sich, wenn wir lange krank sind

Symptomwellen sind wie trübe Glasschüsseln, die sich über deine Wahrnehmung stülpen. Deine Aufmerksamkeit wird überrollt von Schmerzen, Benommenheit, Stresszuständen.

Dieser Zustand wird zu deiner Wahrheit, der einzigen, die für dich gerade real und fühlbar ist.

Andere Menschen, gesunde Menschen, das normale Leben, kommen dir nach einer Weile vor, wie von einem anderen Planeten, in einer anderen Dimension.

Egal ob du an psychischen Symptomen wie Depressionen, Ängsten oder körperlichen Beschwerden wie starken Schmerzen, Missempfindungen, schwerer Erschöpfung oder anderen Problemen leidest: Beides nimmt sehr viel Energie in Anspruch und führt ab einer gewissen Intensität und Dauer meist dazu, dass wir kaum noch etwas anderes wahrnehmen und fühlen.

Das Schwierige dabei, wenn du sehr lange oder immer wieder unter diesen Zuständen leidest: Du beginnst immer mehr zu glauben, dass es nichts anderes mehr in dir gibt, du identifizierst dich komplett mit diesen Zuständen.

Du denkst, du hättest dich komplett verändert, andere Anteile deiner Persönlichkeit gehören der Vergangenheit an.

Dies entspricht aber nicht der Wahrheit. Es ist eine verzerrte Sicht, eine Sicht die durchaus sinnvoll ist für den Moment – denn im Moment zählt das aushalten, überleben und wenn möglich die Fürsorge für den Körper, um Symptome abzumildern.

Es ist ein natürlicher Mechanismus bei Krankheit.

Dein Körper möchte dich dazu bringen, dass du dich darauf konzentrierst, dass dir klar ist, wie wichtig es ist sich um dieses Problem zu kümmern, und er lässt deswegen nicht mehr viel Aufmerksamkeit übrig für andere Gefühle und Bedürfnisse.

Bei einer Erkältung oder auch einem unkomplizierten Bruch der gut verheilt, ist das kein Problem (obwohl es vielen Menschen schwer fällt, auch nur diese begrenzte Zeit gelassen durchzustehen) – du weißt, es ist eine begrenzte Phase, in der du dich auf die Heilung und das Gesund werden konzentrierst und es nicht groß schadet, ein paar Tage in Selbstmitleid zu verfallen.

Eine chronische Erkrankung bedeutet aber für dein Leben etwas ganz anderes. Es ist kaum zu ertragen, jahrelang in einem mentalen Zustand zu verharren, in den andere Menschen vorübergehend während einer Grippe geraten.

Wichtig ist, dir immer wieder klar zu machen, auch wenn du es jetzt nicht fühlen kannst: Es ist alles noch da. Du bist noch da. Deine Sehnsüchte, deine Liebe zum Leben. Dein Humor, deine Lebendigkeit, dein Lachen und deine Lust. Deine Neugier und dein Wissensdurst, deine Genussfähigkeit und dein Mut und dein Mitgefühl.

Wenn es wieder Zeiten oder auch nur kurze Momente gibt, in denen sich deine Symptome bessern und in den Hintergrund treten, können lange verloren geglaubte Gefühle und Fähigkeiten sehr schnell wieder auftauchen.

Du kannst es nur jetzt nicht oder nicht in dem gewohnten Ausmaß fühlen. Daneben gibt es natürlich auch vieles, das sich durch die Krankheit verändert hat. Gleichzeitig bist du aber noch derselbe Mensch und nicht weniger wertvoll und lebendig.

Wie unser Gehirn unsere Wahrnehmung lenkt

Unsere bewusste Wahrnehmung bestimmt, wie wir uns fühlen und was wir denken zu sein.

Aber mit der Wahrnehmung ist es wie mit dem Licht: Eine öde Landschaft kann, in das richtige Licht getaucht, plötzlich magisch und bezaubernd wirken. Oder gruselig und mysteriös bei Nebel – oder wir erkennen fast gar nichts mehr in einer wolkenverhangenen, mondlosen Nacht.

Genauso ist es mit unserer Wahrnehmung von der Welt und auch von uns selbst.

Das, was wir von unserer Umgebung oder auch von unseren inneren Zuständen bewusst spüren und wissen, ist viel weniger, als das, was insgesamt durch unsere Sinne aufgenommen wird.

Die Informationsvielfalt muss durch unser Gehirn gefiltert werden. Dadurch kommt es aber auch zu einer „Verfälschung“. Das Gehirn schafft sich eine eigene Realität, die es uns ermöglichen soll uns effizient im Alltag zurecht zu finden.

Das Licht das die Szenerie beleuchtet ist hier die Art, wie unser Gehirn Prioritäten setzt: Worauf es einen Lichtkegel der Aufmerksamkeit wirft, und welche Wahrnehmungen es im Schatten lässt oder gar ganz in der Dunkelheit verbirgt.

Wir brauchen diese Filter um zu funktionieren, um uns auf die wichtigen Dinge zum Überleben und um in der menschlichen Gesellschaft zu agieren.

Schalten wir sie aus oder verändern sie unkontrolliert, z.b. durch Drogen, haben wir große Probleme unser Verhalten zu regulieren und anzupassen und zu unterschieden und entscheiden, was von akuter und praktischer Bedeutung ist – in einem Rausch ein durchaus erwünschter Effekt.

So wichtig diese Filter sind, sollten wir uns aber, gerade wenn wir chronisch krank sind, bewusst machen, dass unsere Wahrnehmung nicht statisch ist und dass wir sie durchaus ein wenig beeinflussen können.

Wenn die Schmerzen, die Symptome zu stark sind, ist das nur sehr begrenzt möglich. Aber zu anderen Zeiten können wir sanft versuchen, unsere Aufmerksamkeit bewusst auch auf andere Dinge zu lenken. Wenn du meditierst (ich kann das aktuell oft nur kurz und im liegen) oder in einen anderen Raum oder nach draußen gehst, kann das helfen, den Fokus deiner Wahrnehmung etwas zu verändern.

Das bedeutet leider nicht, dass wir immer die Kontrolle darüber haben, wie es uns geht. Auch wenn wir durch Geduld, Akzeptanz und Selbstmitgefühl immer mehr Gelassenheit gegenüber unangenehmen Zuständen einüben können: Eine schwere Situation verschwindet dadurch nicht einfach. Wir können nur daran arbeiten, unsere Situation mit Katastrophengedanken nicht noch zusätzlich zu verschlimmern.

Der innere Kern als Anker

Für mich ist der innere Kern etwas, das mich mit dem Leben und der Liebe zum Leben verbindet. Es ist wie eine Energie in mir, die sich mit anderen Menschen, Orten und Erlebnissen verbinden kann, die ich aber gleichzeitig ganz für mich allein habe.

Diese Verbindung ist manchmal schwach oder fühlt sich blockiert an – dennoch, es ist etwas Unwandelbares in mir. Etwas, das ich schon als Kind spürte, und das mich schon damals ausmachte.

Gerade, wenn du sehr lange krank bist, ist es wichtig, dass du dir deinen inneren Kern ins Bewusstsein rufst. Auch wenn du ihn nicht fühlen kannst, aber er ist da.

Egal ob ich mich gut um mich kümmere, ob ich verzweifelt bin, mutig oder ängstlich.

Diese Gewissheit hilft mir oft.

Schwierig ist es natürlich, wenn ich das nicht mehr wahrnehmen kann. Wenn ich in mich hineinschaue, und es so scheint als wäre da nichts – nur Leere, nur Angst oder nur Verzweiflung.

Dies kann passieren, wenn durch innere oder äußere Umstände unsere Wahrnehmung eingeschränkt wird.

Rufe dir dann in Erinnerung, dass du die Verbindung wiederfinden wirst. Dass du noch da bist.

Manchmal können auch Dinge, wie ein besonderer Stein oder eine kleine Figur, ein Bild oder eine bestimmte Musik helfen, wieder in Kontakt zu kommen. Manche verbinden auch eine Geste oder das Berühren einer Körperstelle mit der Verbindung zu sich selbst.

Immer wieder zu üben, die Wahrnehmung auf den inneren Kern zu lenken, ist nicht leicht – es kann aber helfen, schwere Zeiten durchzustehen und mich auch in Situationen erden, wo ich durch äußere Umstände aus meiner Ruhe gebracht werden.

Bewusst Wahrnehmen

Um mit den Zuständen und Symptomen zurecht zu kommen, die Teil einer chronischen Erkrankung ist entwickelt jede*r eigene Strategien und Ressourcen.

Viele davon, wenn nicht alle, haben damit zu tun unsere Wahrnehmung oder unseren Fokus zu verändern.

Ablenkung dagegen ist eher das setzen eines zusätzlichen Reizes, um Symptome zu überdecken: Wenn wir einen Film sehen, uns am Handy beschäftigen oder etwas Lesen, beschäftigen wir unsere Sinne mit andauernden Reizen und richten so unsere Wahrnehmung von uns weg auf etwas im Außen. Dadurch nehmen wir unsere Symptome nicht mehr so bewusst wahr, auch wenn sie weiterhin unverändert da sind.

Sich dauerhaft abzulenken ist aber weder möglich noch sinnvoll: Auch das kostet Kraft und kann dein Nervensystem erschöpfen. Außerdem verhindert es, dass ich mir darüber im Klaren bin, wie es mir eigentlich geht und was ich brauche.

Das Gegenstück zum Ablenken ist das bewusste Wahrnehmen:

  • Die achtsame Wahrnehmung des Atems ist eine wichtige Meditationstechnik.
  • Deine Symptome wahrzunehmen und somit anzuerkennen kann manchmal überwältigend sein – aber auch wichtig, um dem Körper zu signalisieren, dass du ihn beachtest und für dich sorgst.
  • Deine Aufmerksamkeit auf Körperteile zu richten, die sich gut oder zumindest weniger schlecht anfühlen kann helfen, den Körper nicht als „komplett krank“ einzuordnen – wir haben eine Erkrankung, aber es gibt immer auch ganz viel in unserem Organismus, was funktioniert.
  • Wir können nicht, wie gesunde Menschen, einfach tun was uns in den Kopf kommt und eben aufhören wenn wir erschöpft sind: Dann ist es meist schon zu spät, und wir bezahlen mit einer Symptomverschlechterung über Tage oder Wochen. Also müssen wir uns andauernd bewusst sein, wie es um unser „Energiekonto“ steht, und wie sich unser Tagesablauf darauf auswirkt.

Um unsere Wahrnehmung absichtlich ein wenig zu verändern, ist es wichtig zu verstehen, dass wir ein sehr bequemes Gehirn haben. Unser Gehirn wird immer die Dinge sehen, die wir bereits kennen und erwarten, oder die schnelle Belohnung versprechen.

Deswegen ist es auch so schwer, unseren Fokus zu verändern. Das ist keine einmalige Entscheidung, oft muss ich meine Gedanken und meine Aufmerksamkeit Minute um Minute wieder sanft verschieben. Dabei nutzt es meiner Erfahrung nach wenig, unerwünschtes auszublenden und zu verdrängen. Schmerzen oder andere sehr unangenehme Empfindungen lassen sich schlecht in den Hintergrund schieben.

Erfolgversprechender ist es, all das Schwere und Unangenehme weiter da sein zu lassen, und Neues hinzuzufügen. Die Aufmerksamkeit auf ein Körperteil richten, das gerade keine Beschwerden macht. Dich dort sanft berühren oder mit einem Igelball massieren. In ein anderes Zimmer gehen oder, wenn möglich, aus dem Haus und in den Himmel schauen. Wind oder Sonne auf deiner Haut spüren.  Ein Bild in deiner Blickrichtung aufhängen, das eine positive Wirkung auf dich hat.

Es gibt viele kleine Möglichkeiten, deinem Gehirn zu sagen: Trotz allem, es gibt da noch mehr. So stark und unerträglich deine Symptome sind, so viel Raum sie auch in deiner Wahrnehmung einnehmen: Fast immer gibt es die Möglichkeit, achtsam gute Impulse zu setzen. Auch wenn du es erst nicht als effektiv wahrnimmst – dein Gehirn wird es registrieren und auch, wenn du dich nur schlecht darauf konzentrieren kannst, unbewusst jeden positiven Eindruck aufnehmen.

Welche Erfahrung hast du mit deiner Wahrnehmung gemacht?

1 Gedanke zu “Die Kraft der Wahrnehmung bei chronischen Erkrankungen

  1. Hallo Elisa, ein sehr guter Beitrag von dir. Meine persönliche Empfindung ist so, dass es schwer ist, wenn es einem wirklich nicht gut geht nur an kleinen Schrauben zu drehen zu einer Veränderung. Weil die Symptome so im Vordergrund stehen, dass man froh ist, überhaupt irgendwie noch selbst bestimmt im Leben zu bleiben.

    Generell teile ich deine Gedanken, dass die Selbsthilfe, die Einzige ist, die bedingt hilfreich ist bzw. hilfreicher als alles andere. Wobei Menschen, wie ich haben das Problem, dass sie zwar viel wissen, was helfen würde, aber es geht ums konsequente umsetzen.

    Einer meiner Ärzte formulierte es mal so, er kenne kaum jemand, der so viel weiß, aber so wenig ins tägliche Leben umsetzt und genau das ist der Punkt, solange hier nicht ein Umdenken gelingt kann es keinen Fortschritt geben.

    Das Potential für Verbesserung ist meiner Ansicht nach immer da, aber wie gesagt ohne aktive Handlungen passiert natürlich nichts. Von Außen erwarte ich mir keinerlei Unterstützung. Alles Gute und Danke für die tolle Gedanken, die allesamt gute Ansätze sind.

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