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Gedanken über die Sehnsucht

Wie sich Sehnsucht anfühlt, brauche ich dir sicher nicht erzählen. Jeder Mensch, der lange krank ist, kennt die Sehnsucht als schmerzliches Verlangen nach Gesundheit und Wohlbefinden, nach etwas Normalität und Leichtigkeit.

Eine meiner großen Sehnsüchte ist das Reisen in andere Länder. Aufgrund meiner Erkrankungen sind oft auch kürzere Fahrten mit Bahn, Auto oder anderen Fortbewegungsmitteln sehr schwierig. Ich bin meist auf einen Radius in Laufweite (und teilweise E-Bike-Reichweite) eingeschränkt.

Nicht reisen zu können fühlt sich an manchen Tagen sehr schmerzhaft an. Auf der anderen Seite merke ich dadurch, wie froh ich über die Reisen bin die ich schon erlebt habe und wie sehr ich diese Erfahrungen wertschätze. Vielleicht viel mehr, als jemand, der weiterhin jedes Jahr mindestens drei verschiedene Länder besucht.

Denn die Sehnsucht verschwindet nicht unbedingt mit der Erfüllung: Meist suchen wir uns dann schon bald eine neue Sehnsucht, auf die wir hinleben.

Jeder Mensch trägt tiefe Sehnsüchte in sich

Sehnsucht ist nichts Exklusives, das uns von den Gesunden trennt. Jeder Mensch trägt tiefe Sehnsüchte in sich. Nur geraten sie im Trubel des Alltags oft in den Hintergrund oder werden von der Erfüllung kleinerer, materieller Wünsche verdeckt.

„Nur dort, wo ich mich meiner Sehnsucht stelle, bin ich auf der Spur des Lebens, entdecke ich meine eigene Lebendigkeit.“*

Wenn Lebendigkeit bedeutet, uns unserer Sehnsucht zu stellen, dann sind wir doch schon ziemlich nah dran. Wir sind dazu gezwungen, unsere Sehnsüchte wahrzunehmen, wir können uns wenig davon ablenken. Sehnsucht als Chance unsere Lebendigkeit zu entdecken?

Das würde letztlich auch bedeuten, unsere Einschränkungen könnten eine Chance sein, Lebendigkeit in uns zu finden. Eine Lebendigkeit, die wir sonst vielleicht nicht spüren würden. Vielleicht keine äußere Lebendigkeit wie unbeschwertes Tanzen und Lachen – aber in manchen Momenten ein starkes Gefühl und Bewusstsein dafür, am Leben zu sein, gerade weil vieles nicht mehr selbstverständlich ist.

Gerade deswegen, weil jeder Tag manchmal einfach nur überlebt werden will.

Hinter den meisten Sehnsüchten – wie nach einer Familie, Partnerschaft, Geborgenheit, körperlicher Stärke und Verlässlichkeit – steht ein noch viel tieferes Sehnen.

Eine Sehnsucht, sich als nicht vom Leben, vom Universum getrennt sondern verbunden wahrzunehmen. Geborgen zu sein, richtig und ganz zu sein, angekommen und angenommen zu sein. Auch wenn wir äußerlich alles haben, ist diese tiefe Sehnsucht noch da.

Hinter den Schmerz der Sehnsucht blicken

Die Schmerzen, die unerfüllte Sehnsucht verursachen kann, können auch ein Wegweiser sein. Wir nehmen da etwas wahr, was ganz tief verwurzelt ist in unserer menschlichen Natur.

„Nur wer die Sehnsucht nach dem Unendlichen in sich trägt, kann die Unendlichkeit des Himmels wahrnehmen.“*

Wenn wir die Traurigkeit und den Schmerz immer mehr zulassen, können wir vielleicht nach und nach spüren, dass genau diese Sehnsucht uns hinführen kann zu einem besseren Verständnis von uns selbst. Zu einem Staunen und Wundern, über den Himmel, auch über die kleinsten und unscheinbarsten Dinge vor unserem Fenster. Zu einem Gefühl der Verbundenheit mit allen Menschen und einer Dankbarkeit für jeden Herzschlag.

„Die Sehnsucht hält uns nicht fest. Sie weitet unser Herz und lässt uns freier atmen. Sie verleiht unserem Leben seine menschliche Würde.“*

Sehnsucht kann anfangs im Schmerz klein und eng machen und uns ängstlich und einsam zurück lassen. Wenn wir tief einatmen, die Sehnsucht willkommen heißen und unser Herz weiten lassen, können wir aber vielleicht irgendwann ganz tief in ihr drin etwas Wunderschönes und Wertvolles entdecken, das uns nicht mehr genommen werden kann.

Sehnsucht als innerer Reichtum

Wir sind es gewohnt, Dinge wertzuschätzen die wir materiell besitzen, mit denen wir interagieren oder die wir im außen tun können. Etwas, das nur im Inneren fühlbar ist, scheint nach außen hin schwer messbar.

„Träume nicht dein Leben, lebe deinen Traum“ ist ein beliebtes altes Zitat (Tommaso Campanella 1568 – 1639). Würden wir nicht alle nur zu gern unsere Träume leben?

Vieles können wir auch erreichen wenn wir uns mutig auf den Weg machen. Aber nicht alles ist erreichbar. Träume in diesem Sinne sind ja eigentlich Sehnsüchte nach einem anderen Leben.

Meiner Meinung nach ist nichts daran verkehrt, davon zu träumen, und sich im Träumen auch mal zu verlieren. Auch wenn es Träume sind, die aktuell oder nie erreichbar sind.

Antoine de Saint Exupéry schreibt in Die Stadt in der Wüste:

„Sehnsucht nach Liebe ist Liebe.“

Dieser kleine Satz ist für mich sehr kraftvoll. Nicht erst die Erfüllung der Sehnsucht ist wertvoll, sondern das Wesentliche liegt bereits im Sehnen selbst.

Wenn wir nicht beim Träumen und beim Trauern darüber, was nicht geht stehen bleiben, sondern unsere Sehnsüchte immer mehr auch als Wert an sich, als Ausdruck einer starken Liebe zum Leben und zu anderen Menschen fühlen können, werden wir durch unsere Sehnsüchte nicht ärmer, sondern reicher.

„Was ich ersehne, das ist in meinem Herzen. Es gehört mir ganz und kann mir nicht geraubt werden.“*

*Anselm Grün: Das kleine Buch der Sehnsucht

Was löst das Wort Sehnsucht bei dir aus?

Wenn du magst, lass gerne deine Gedanken dazu im Kommentarbereich da.

3 Gedanken zu “Gedanken über die Sehnsucht

  1. …vielen Dank für diesen Text zum Thema Sehnsucht…damit erklärt sich gut meinen großen inneren Schmerz (trotz sonstiger immer wieder bestehenden Gelassenheit) – der letzten Tage – diese innere Unruhe, dieses Getriebensein aber sich nicht viel bewegen können (das ich nicht haben wollte) – und so stark körperlich spürbar war! Es ist die Sehnsucht nach Leben, nach Lebendigkeit – im doppelten Sinne – meines eigenen Lebens und das eines nahestehenden Menschens für den seine Lebenszeit zu kurz war. Diese Kopplung war es wohl – die mich in diese ungewöhnliche Anspannung gebracht hat, die sonst eher nur unterschwellig vor sich hinflackert…es sei denn, es spricht mich direkt jemand darauf an…dann spüre ich diese Sehnsucht, dieses Verlangen nach Leben – nach Lebendigkeit, fast schmerzhaft…danke, dass ich mich durch deine Betrachtungen – dieser, fast schmerzhaften Unruhe, fast schon ein wenig liebevoll – aber zumindest verständnisvoll nähern kann. Lieben Dank

    1. Liebe Beatrice, ich danke dir fürs Lesen und deine Nachricht. Auch ich fühle die letzten Tage wieder drängender die Sehnsucht nach Lebendigkeit, nach aktivem Leben. Uns dieser Sehnsucht liebevoll hinzuwenden – wenn uns das gelingt, sind wir der Lebendigkeit vielleicht wieder ein Stück näher, obwohl sich äußerlich vermeintlich nichts verändert hat… Alles Liebe für dich – Elisa

  2. Liebe Elisa!

    Sehnsucht.

    Eine Großmutter wird krank vor Sehnsucht.
    Die Familie ist plötzlich getrennt.

    Jetzt brennt ihr die Seele, das Herz wird schwer,
    sie bekommt keine Nachricht welche die Sehnsucht weichen lässt.

    Sehnsucht nach einer vergangen Zeit
    Sehnsucht, ob die Familie zurück darf
    Sehnsucht in der Hoffnung auf Veränderungen.

    Sehnsucht und Hoffnung.
    Sehnsucht kann in ihrer Traurigkeit angemessen sein
    dann empfinde ich sie gut.

    Ein lächelndes Sehnen in Erinnerungen
    ach die Zeit damals, als wir nicht wussten
    und tapfer hofften, so verliebt und unverwundbar.

    Sehnsucht nach den vertrauten
    über Dekaden bekannten geliebten Freunden.

    Ihre Seele ist wund- vor Sehnsucht.
    Sehnsucht muss auch gestillt werden
    um zurück in das Heute zu gelangen

    In Dankbarkeit für das, was sein konnte,
    jenes was war und gut gewesen ist
    lebendig in der Erinnerung gut bleiben kann.

    Sehnsucht nach einem nochmal.

    Und wer weiss schon, ob es nicht doch ….
    Sehnsucht kann sehr schön sein, romantisch.

    In Sehnsucht träumen.
    Nicht in Sehnsucht Verbitterung.

    Vera.

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