Innere Ressourcen, Persönliches

Tanz mit den roten Schuhen

Das Leben ist manchmal ziemlich kompliziert. Du bekommst eine Menge Möglichkeiten. Immer. Auch wenn du von außen betrachtet extrem eingeschränkt scheinst, bleibt dir ziemlich oft noch eine Wahl – folge ich diesem Impuls oder jenem, lasse ich mein Bauchgefühl entscheiden und was sagt der Verstand dazu?

Auch keine Entscheidung zu treffen ist letztlich eine Entscheidung, denn das Leben drückt und zieht dich weiter und dann rauschst du mit der Strömung und greifst nach irgendetwas und landest irgendwo.

Meine Blogpause hat viel mit diesen Weggabelungen, mit diesen Entscheidungen im Leben zu tun. Denn dieses Jahr habe ich mich für den Tanz mit den Roten Schuhen entschieden.

Anfang des Jahres erhielt ich nach langer Zeit endlich Diagnosen zu meinem Gesundheitszustand. Wie vermutet ist eine Mastzellaktivierung festgestellt worden, und dass meine Bauchspeicheldrüse fast keine Verdauungsenzyme herstellt, wurde auch bestätigt.

Anders als erwartet war ich nur kurz erleichtert. Viel größer war die schwere innere Erschöpfung vom langem Kampf, immer wieder nicht ernst genommen zu werden, nicht die medizinische Hilfe zu bekommen die ich schon lange gebraucht hätte.

Kurz gesagt: Als ich endlich die Diagnosen schwarz auf weiß in den Händen hielt, wollte ich sie nicht mehr. Wollte nicht mehr krank sein, und schon gar nicht offiziell bestätigt.

Ich nahm mir nicht die Zeit, zu erforschen was es für mich bedeutet. Nahm mir nicht die Ruhe und die Aufmerksamkeit, zu hören was mein Körper jetzt möchte und braucht nach so einem langen Kampf.

Ich tat einfach das Gegenteil, von dem, was ich für vernünftig und logisch gehalten hätte: Ich versuchte die Diagnosen so schnell wie möglich zu vergessen. Meinem Körper ging es deutlich besser und ich wollte endlich Leben. Unvernünftig sein. Über die Stränge schlagen. Und das nicht nur mal kurz, nicht nur mal einen Tag um mir dann wieder eine gute Erholungspause zu gönnen – nein, ich fing an zu leben und mich abzulenken und high zu werden nach diesem Gefühl und eine Atempause scheute ich, denn ich wollte nicht, dass es je wieder aufhörte und mir klar würde, dass ich längst über meine Kräfte lebte.

Ohne mich bewusst zu entscheiden hatte ich eine Entscheidung getroffen.

Ich tanzte dieses Jahr den Tanz mit den roten Schuhen.

„Die Roten Schuhe“ ist ein Märchen von Hans-Christian Anderson. In der Analyse durch die Autorin Clarissa Pinkola-Estés in ihrem Buch „Die Wolfsfrau“ [1] sind sie ein Symbol für eine große Sehnsucht in  jedem von uns. Der Sehnsucht nach Leben, nach unserer ureigenen Lebensfreude. Nach unserem Ausdruck, danach unsere Gefühle zu spüren und sie zu leben.

Im Märchen gibt es zwei verschiedene paar rote Schuhe. Sie ähneln sich, aber sind grundsätzlich verschieden.

Sind es die eigenen, selbst gemachten, nicht perfekten mit verschiedenen Flicken versehenen Schuhe – Schuhe, die du in eigener Arbeit hergestellt hast, die zu dir passen, dann machen sie dich glücklich. Hast du solche Schuhe, und tragen sie dich durchs Leben, so hast du deine eigene Lebendigkeit gefunden.

Im Märchen gehen diese Schuhe, die sich ein armes Mädchen selbst angefertigt hat, verloren. Und vielen von uns geht es ähnlich: Wir verlieren nach und nach – oder auch sehr plötzlich durch einen Schicksalsschlag – die Verbindung zu dem, was uns ausmacht. Verlieren unsere Lebensfreude und den Kontakt zu uns selbst.

Das lange krank sein und kämpfen hat bei mir dazu geführt, dass ich meine Schuhe nicht mehr finden konnte. Und ich war zu ungeduldig, mir neue anzufertigen.

Das arme Mädchen im Märchen bekommt irgendwann die Gelegenheit, nagelneue glänzend rote Schuhe anzuziehen – nicht ihre eigenen, nein, viel schöner sind sie und verlockender. Sie greift zu. Endlich wieder Lebendigkeit, leuchten, tanzen! Doch diese roten Schuhe sind keine gewöhnlichen. Sie haben ein Eigenleben und beginnen mit dem Mädchen einen Tanz, den sie allein nicht mehr stoppen kann.

Was anfangs lustig und lebendig scheint führt irgendwann zur totalen Erschöpfung. Die lustigen roten Schuhe werden bedrohlich. Sie einfach ausziehen ist kaum noch möglich.

Dem Mädchen bleibt als letzter grausiger Ausweg nur, sich die Füße mitsamt der Schuhe abhacken zu lassen.

Was so furchtbar klingt, viel zu schrecklich um etwas mit unserem Leben zu tun zu haben, passiert uns, die wir chronisch krank sind, noch viel schneller als anderen Menschen.

Wenn wir nicht ganz bei uns sind und höllisch gut auf uns aufpassen, kann es passieren dass wir zu den falschen Schuhen greifen. Über unsere Kräfte gehen. Nicht mehr spüren was noch gut ist und was zu viel.

Wenn wir es dann nicht rechtzeitig schaffen, sie wieder auszuziehen kann es passieren dass uns zwar nicht die Füße abgehackt werden – aber dass unsere Gesundheit plötzlich zusammenbricht und uns somit aus dem Tanz befreit.

Meine Füße sind noch dran – aber benutzen kann ich sie nicht mehr richtig.

Innerhalb kürzester Zeit bekam ich derart starke Schmerzen, dass ich meine Wohnung nicht mehr verlassen konnte. Es war und ist wie ein Alptraum wo ich nur noch zusehen konnte wie ich nach und nach fast alles verlor was mir wichtig ist – Beziehungen, Freiheit, raus in die Natur zu gehen, die Fähigkeit mich um meine geliebte Hündin zu kümmern.

Nun sitze ich hier – oder besser gesagt liege, denn auch sitzen kann ich kaum – und darf von ganz klein und von ganz vorne anfangen. Jeder Tag, jede Minute ist seit Monaten mühsam und hart und viel zu schmerzhaft. Keine Behandlung hilft bisher, weder die klassische noch alternative, bzw. ist es wie meist mit komplexen Erkrankungen sehr schwer, Verständnis und Unterstützung zu bekommen.

Nun liege ich hier – und schreibe in meinem Blog, den ich schon begraben wollte.

Nein, jetzt darf ich ihn erst recht mit Leben füllen. Lebenstrotz – dem Namen meines Blogs werde ich nur gerecht wenn ich mich gerade jetzt auf mich besinne und mir mutig anschaue, was ich mit meinem Körper gemacht habe und was er jetzt braucht. Das ist der einzige Weg, um auch diese schwierige Situation durchzustehen.

Natürlich hätte ich hier lieber berichtet, ich bin gesünder, glücklicher und habe meinen Weg gefunden, meine eigenen roten Schuhe geschnürt.

Nein, das habe ich nicht – aber ich mache mich wieder auf den Weg. Genau wie viele von euch bin ich mit meiner Heilung auf mich gestellt und muss jetzt wieder sehr, sehr viel Vertrauen und Geduld üben. Meine Liebe zum Leben habe ich trotz allem nicht verloren und ich übe mich wieder daran, die kleinen Dinge und Schritte zu sehen. Die Vögel am Fenster. Das Eichhörnchen das sich Nüsse holt. Den kurzen Moment, in dem ich trotz allem mit einem guten Freund oder einer Freundin lachen kann. Übe mich in Mitgefühl und Verständnis für meine Entscheidung, für meine Grenzen die jetzt wieder sehr eng geworden sind.

Ich entscheide mich jetzt neu. Ich werde wieder lernen, mir meine eigenen Schuhe zu basteln. Egal wie mühsam und langwierig das dieses mal scheint.

 

[1] Clarissa Pinkola-Estés: Die Wolfsfrau – die Kraft der weiblichen Urinstinkte. Heyne Verlag, 8. Auflage

Wenn du über neue Beiträge informiert werden möchtest, trage dich doch gern in meinen Newsletter ein.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.